Bildungspolitik nicht den Reformisten überlassen!

Wir waren am 23.09.2023 auf der Straße um eine antikapitalistische Perspektive auf den Bildungsprotesttag zu tragen. Unseren Redebeitrag finden ihr hier.

Wir sparen uns den Teil der Rede, in dem ich darauf eingehe auf welche Art die
Bildungskrise euch Lehrkräften und Eltern und uns, den Schülerinnen,
tagtäglich das Leben schwermacht. Wir sind die Betroffenen, wir kennen diese
Zustände noch viel besser, als dass die alarmierenden Zahlen zu
Personalmangel und fehlenden Schulabschlüssen je darstellen könnten. Auf
unsere Beschwerden gibt es seit Jahren die immer gleiche Antwort: Angeblich
sei einfach nicht genug Geld da.


Aber wo ist es denn hin das ganze Geld, das fehlt, um in einem der reichsten
Länder der Welt für halbwegs tragbare Zustände im Bildungssektor zu sorgen?
Es wird woanders dringender gebraucht: 100 Milliarden Sondervermögen
gingen nicht in die Bildung und auch nicht in das mindestens ebenso
sanierungsbedürftige Gesundheitssystem, in dem gerade reihenweise
Krankenhäuser aus Geldmangel geschlossen werden. 100 Milliarden Euro
gingen in den Verteidigungshaushalt, also in Raketen, Panzer und
Kampfflugzeuge, die aktuell dringend gebraucht werden, damit Deutschland
international endlich wieder Stärke zeigen kann. Diese beängstigende
Entwicklung ist jedoch Thema für eine andere Veranstaltung. Vielleicht nur die
kleine Anmerkung am Rande, dass die stumpfen Parolen, mit denen aktuell
Stimmung für den Krieg gemacht wird, bei einer Bevölkerung, die in der Schule
ausreichend über Deutschlands Rolle in zwei Weltkriegen aufgeklärt worden
wäre, niemals so gut ankommen könnten.


Eigentlich wollen wir auf etwas anderes hinaus: Dass 100 Milliarden Euro
besser im Bildungssystem aufgehoben wären, steht außer Frage und auch, dass
dringend etwas gegen den Lehrerinnenmangel getan werden muss. Aber bevor
wir, als Schülerinnen und Lehrkräfte dieses Bildungssystems Forderungen an
die Regierung richten, sollten wir uns darüber klar werden, in welchem
Verhältnis die Schule zum Staat steht, welche Aufgabe die Schule für den Staat
übernimmt. In der Schule bekommen wir Schülerinnen Noten, wir werden
bewertet. Daran ändern auch neumodische Vorschläge, wie die Noten durch
individualisierte Bewertungen in Textformen zu ersetzen, überhaupt nichts.
Zum einen wäre dieser Vorschlag bei der jetzt schon hohen Arbeitsbelastung
der Lehrkräfte sowieso nicht umsetzbar, zum anderen ändert ein Text statt
einer Note nichts am Prinzip des Bewertet- und dadurch Eingeteilt- Werdens.
Aber gerade diese Selektion ist die eigentliche Aufgabe der Institution Schule.
Wir sind Jugendliche, wir kennen den Schulalltag von der Seite der
Schülerinnen besser als sonst irgendwer. Und unser Schulalltag ist nicht geprägt
von anregenden Diskussionen über Politik oder Kultur, wir haben keinen Raum
unsere individuellen Interessen zu vertiefen, oder auf unsere Schwächeneinzugehen, um an ihnen zu arbeiten. Unser Schulalltag ist geprägt von
Lehrplänen und darin festgeschriebenen Leistungskontrollen, ein immer
fortwährender Kreislauf aus Stress und Leistungsdruck, der immer mehr von
uns psychisch krank macht. Ob am Ende dieser Leistungskontrolle nun eine 5
steht, oder ein sehr langer Text, in dem uns erklärt wird, warum wir die Arbeit
verhauen haben, macht dabei keinen wirklichen Unterschied. Obwohl dieses
Bewertungssystem auf den ersten Blick niemandem etwas bringt und
Lehrkräfte unter der Verantwortung ihren Schützlingen potenziell den ganzen
Lebenslauf zu verbauen genauso regelmäßig zusammenbrechen, wie die
Schülerinnen unter ihrem Leistungsdruck, hat es sehr wohl eine Funktion, und
zwar eine sehr grundlegende.


Ginge es in der Schule in erster Linie um Bildung bräuchten wir in Schulen
riesige Bibliotheken, freien Zugang zu schnellem Internet und keine unflexiblen
Klassen, sondern spontane Zusammenkünfte junger Menschen mit ähnlichen
Interessen, auf die Lehrkräfte gezielt eingehen könnten. Auf unsere Fragen und
unsere Unsicherheiten könnte eingegangen werden und es wäre kein Problem
sich dafür mehr Zeit zu nehmen als die 5 freien Minuten, die der Lehrplan dafür
übriglässt.
Die traurige Wahrheit ist, dass unser kapitalistisches Wirtschaftssystem keine
Gesellschaft braucht, in der alle universell gebildet sind. Einige wenige
brauchen eine gute Bildung, damit sie später Führungspositionen übernehmen
können und lernen das System wortreich in FAZ- Kolumnen und Talkshows zu
verteidigen. Der Rest wird in erster Linie als Lohnarbeiterinnen ohne
Führungsposition gebraucht, die zwar eine ganze Menge an Fähigkeiten und
Wissen anwenden, aber das allerwenigste davon aus der Schule mitgebracht
haben. Die Rolle einer Lehrkraft im Kapitalismus ist also nicht in erster Linie zu
bilden, sondern zu selektieren. Zu entscheiden wer Gymnasialempfehlung und
gute Noten bekommt und damit auf dem besten Weg zur Chefin ist und wer
sich mehr schlecht als recht bis zum MSA kämpft, um dann endlich die Schule
zu verlassen und die nächstbeste Ausbildung zu beginnen. Es ist ein autoritäres
Gewaltverhältnis gegenüber der Schülerin, deren ganzes Leben von diesen
Entscheidungen abhängen kann.
Wer dieses System kritisiert, spricht oft von fehlender Chancengleichheit,
vergisst dabei aber, dass das Schulsystem im Großen und Ganzen bereits
gleiche Chancen hat: Wir werden alle im etwa gleichen Alter eingeschult,
werden alle nach dem gleichen Lehrplan unterrichtet und bekommen von den
gleichen Lehrkräften Noten auf derselben Skala von 1-6.Genau darin liegt ja die Ungerechtigkeit des Bildungssystems: Ihr Lehrkräfte
sollt alle Schülerinnen bewerten als wären sie gleich, dabei hat die eine
zuhause ein eigenes Zimmer mit eigenem PC, viel Zeit und Ruhe zum Lernen
und die andere teilt sich ihr Zimmer mit zwei lauten Geschwisterkindern und
muss nebenbei arbeiten, um die Familie über Wasser halten zu können. Wenn
beide dann im Vokabeltest am Ende der Woche sehr unterschiedliche
Ergebnisse erreichen, lag das mit Sicherheit nicht an ungleicher Bewertung,
sondern in erster Linie an ungleichen Lebensverhältnissen, auf die weder
Schule noch Lehrkraft Einfluss nehmen können, es ist ihnen sogar explizit
verboten.


Wenn wir von der Selektionsfunktion der Schule und ihrer Lehrkräfte sprechen,
meinen wir damit also nicht, dass ihr Lehrkräfte aus purer Bösartigkeit Kinder
mit schlechten Noten in schlecht bezahlte Jobs schickt. Ganz im Gegenteil: Je
mehr Mühe ihr euch gebt alle nach den gleichen Standards zu bewerten, desto
mehr tragt ihr dazu bei, den Klassengegensatz in der Gesellschaft aufrecht zu
erhalten und nebenbei mit der Lüge zu kaschieren, es wäre nicht soziale
Herkunft, sondern einfach mangelnde Leistung, die dazu führt dass die Kinder
ärmerer Familien schlechter in der Schule sind, im Berufsleben deshalb
schlechter bezahlt werden und später Kinder in die Welt setzen, die exakt das
gleiche Hamsterrad durchlaufen.
Wir sind deshalb aus genau dem gleichen Grund hier, aus dem wir uns auch
den Protesten der Klimabewegung anschließen: Eure Forderungen sind richtig,
sie sind sinnvoll und als realpolitische Forderungen für das Hier und Jetzt
unterstützen wir sie voll und ganz! Aber der Protest der Umweltbewegung hat
eine Geschichte, genauso wie die Bildungsproteste: Eine Geschichte von
großen Demos und Kundgebungen, von Problemen die erkannt und
angeprangert wurden und als Reaktion der jeweiligen Regierungen entweder
durch Kompromisse verbessert oder auch komplett verschleppt wurden. Und
jetzt stehen wir wieder hier, die Studierendenproteste der 68er sind genauso
Schnee von gestern, wie die Anti- AKW Blockaden und obwohl die
Bundesregierung viele ihrer Forderungen umgesetzt hat, sprechen wir heute
wieder von einer Bildungskrise und die Klimakatastrophe bedroht unser aller
Existenz. Wäre es da nicht langsam an der Zeit einzusehen, dass es mehr
braucht als die Forderung nach Reförmchen und Symptombekämpfung?Wir können euch die Antwort darauf abnehmen, denn wir sind die Jugend, um
unsere Zukunft geht es hier und wir wollen verdammt nochmal viel mehr! Wir
sind es satt in einer Welt zu leben, in der der Kindertraum Astronaut zu werden
wegen zwei Fünfen auf dem Zeugnis in der ersten Nachtschicht bei Burger King
endgültig zerplatzt! Und wir wissen, dass ihr Lehrkräfte es genauso satt seid
uns Kindern und Jugendlichen dabei zuzusehen. Zu erleben wie ihr den
Bedürfnissen von Kindern mit schlechten Deutschkenntnissen, mit
gewalttätigem Elternhaus, oder Lernschwierigkeiten nicht gerecht werden
könnt. Laut der Kinderrechtsorganisation Innocence in Danger sitzen in jeder
eurer Klassen durchschnittlich 2-4 Kinder, die von sexuellem Missbrauch
betroffen sind und auch die müsst ihr nach den gleichen, harten Standards
bewerten wie alle anderen. Nicht, weil sie euch nicht am Herzen liegen, nicht
weil ihr nicht das Beste für sie wollt. Sondern schlicht und ergreifend, weil diese
Bildungssystem darauf ausgelegt ist auszusortieren!


Dafür habt ihr euch doch nicht für diesen Beruf entschieden! Ihr wolltet junge
Menschen bilden, in ihrer Entwicklung unterstützen und für die Inhalte eurer
Fächer begeistern! Aber so wie Schule aktuell strukturiert ist könnt ihr das
nicht, denn in dieser Welt regiert nun mal das Geld. Bildung für alle mag eine
schöne Idee sein, aber die deutsche Wirtschaft mit ihrem riesigen
Niedriglohnsektor freut sich tatsächlich über die 50.000 Menschen, die jedes
Jahr ohne Abschluss die Schule verlassen und dadurch gezwungen sind auch die
letzten Drecksjobs anzunehmen, weil sie sonst keine bekommen. Wer es sich
leisten kann, verlässt sich längst nicht mehr nur auf öffentliche Schulen, der
Markt für Nachhilfe und teure Privatschulen boomt aktuell mehr denn je.
Eine weitere eine bittere Realität, die viele von euch Lehrkräften leider noch
nicht eingesehen haben. Auch wenn ihr studiert habt, unterm Strich bleibt ihr
Lohnarbeiterinnen!

Ihr lebt im Kapitalismus und der Kapitalismus macht alles
zur Ware. Auch die Bildung, wie ihr sie zur Verfügung stellt, muss man sich
leisten können. Alles eine Frage von Angebot und Nachfrage und die Nachfrage
ist so dermaßen hoch, dass es sich lohnt das Angebot auf sündhaft teure
Privatschulen und Nachhilfeangebote zu beschränken. Die Mehrheit, die sich
nichts von beiden leisten kann, wird mehr schlecht als recht vom öffentlichen
Sektor aufgefangen. Und dessen Funktion ist nicht die Kinder zu bilden und zu
unterstützen, sondern sie entweder zu den gewissenhaftesten und fleißigsten
Vorarbeiterinnen zu erziehen, die sich ein Kapitalist für seinen Betrieb
wünschen könnte, oder eben als ungebildete Arbeiterinnen in den
Niedriglohnsektor zu schicken, ausgerüstet mit wenig mehr als dem tief
verankerten Gefühl für nichts besseres geeignet zu sein.Sprecht mit euren Kolleginnen aus der Pflege, aus dem ÖPNV und aus den
Kindergärten. Ihr werdet merken, dass ihr alle dieselben Probleme habt: Ihr
seid alle gestresst, eure Einrichtungen werden totgespart, ihr habt kaum noch
die Möglichkeit den Menschen so zu helfen, wie ihr euch das bei der
Berufswahl einmal vorgenommen habt. Und auch die Gründe sind dieselben:
Seid ihr an öffentlichen Einrichtungen angestellt, dann schafft ihr außer so
Kleinigkeiten wie Bildung, Gesundheit, Mobilität und Nächstenliebe, eben
keinen Mehrwert. Euer Gegner ist nicht die hundertste inkompetente
Bildungsministerin, nicht die Unterfinanzierung der Schulen oder schlechtes
Personalmanagement. All das sind Symptome, die kommen und vergehen-
fragt eure älteren Kolleginnen, manche von ihnen hatten die gleichen Probleme
schon vor dreißig Jahren und wenn alles weiter seinen Gang geht, habt ihr in
dreißig Jahren noch ganz andere Probleme, die Klimakatastrophe lässt grüßen.
Der Kampf gegen Symptome ist wichtig, er ist notwendig und dafür sind wir
heute hier. Aber die Krankheit dahinter, die heißt Kapitalismus und die
bekämpft man nicht nur im Bildungssektor und nicht nur mit Reformen!
Schließt euch zusammen mit den Kolleginnen aus der Pflege, dem ÖPNV und
allen anderen Bereichen, in denen die Angestellten es satt haben die Krisen
auszubaden, die sie nicht verursacht haben! Und dann hört auf euch nur noch
in den Lehrerzimmern oder nach Feierabend bei Freundinnen auszukotzen!
Tragt eure Wut auf die Straße, tragt eure Leidenschaft dafür auf die Straße,
wofür euer Beruf eigentlich stehen sollte! Und lasst euch ja nichts erzählen-
ihr habt alle ein Recht zu demonstrieren, auch eure verbeamteten Kolleginnen!
Kommt runter von eurem hohen Ross des bürgerlichen Akademikerdaseins,
solange niemand anderes für euch Geld verdient, seid ihr alle Proletarier, wie
jede Busfahrerin, jeder Putzfrau, jede Pflegerin.


Ihr braucht keine Angst zu haben: Wenn ihr erst anfangt richtig zu
demonstrieren, wenn ihr euch organisiert und gemeinsam mit den Kolleginnen
aus anderen Berufsfeldern auf den Straßen steht und streikt, dann habt ihr
euren Schülerinnen wirklich etwas sinnvolles fürs Leben beigebracht, und dann
werden wir an eurer Seite stehen und mit euch kämpfen!